Glossar

Ridden Horse Pain Ethogram (RHpE)

Das Ridden Horse Pain Ethogram ist eine Liste von 24 genau definierten Verhaltensweisen unter dem Reiter; zeigt ein Pferd 8 oder mehr davon, gelten Schmerzen im Bewegungsapparat als wahrscheinlich.

Inhalt dieses Eintrags
  1. Welche 24 Verhaltensweisen umfasst das RHpE?
  2. Wie wird das RHpE angewendet? Die 5 RHpE-Regeln
  3. Was zeigen Studien zum RHpE?
  4. Was beeinflusst den RHpE-Wert außer Schmerz?
  5. Ist das RHpE eine Diagnose?

Das Ridden Horse Pain Ethogram (RHpE) ist ein Beobachtungswerkzeug, mit dem sich Schmerzverhalten beim Reiten systematisch erfassen lässt, auch wenn ein Pferd nicht sichtbar lahmt. Entwickelt hat es die britische Tierärztin Sue Dyson mit Kolleginnen und Kollegen; die Erstveröffentlichung erschien 2018 (Dyson et al. 2018, zitiert in Dyson & Pollard 2020). Im Deutschen findest du es auch als „Schmerz-Ethogramm des gerittenen Pferdes“.

Welche 24 Verhaltensweisen umfasst das RHpE?

Das RHpE umfasst 24 Verhaltensweisen aus sechs Bereichen, jede mit genauer Definition. Die folgende Übersicht ist eine sinngemäße deutsche Zusammenfassung der Liste aus Dyson & Pollard 2020.

BereichVerhaltensweisen (Nummer)
Kopf(1) wiederholtes Auf und Ab des Kopfes, nicht im Takt des Trabs; (2) Kopf schief gehalten oder wiederholt schief; (3) Kopf 10 Sekunden oder länger deutlich vor der Senkrechten; (4) Kopf 10 Sekunden oder länger hinter der Senkrechten; (5) Kopf wird häufig verlagert, geschlagen oder verdreht
Ohren und Augen(6) Ohren 5 Sekunden oder länger nach hinten gedreht oder angelegt; (7) Augenlider 2 bis 5 Sekunden geschlossen oder halb geschlossen, häufiges Blinzeln; (8) Augenweiß wiederholt sichtbar; (9) starrer, „abwesender“ Blick 5 Sekunden oder länger
Maul(10) Maul 10 Sekunden oder länger wiederholt geöffnet, Zähne getrennt; (11) Zunge sichtbar, heraushängend oder wiederholt herausgestreckt; (12) Gebiss wird wiederholt auf eine Seite durchgezogen
Schweif(13) Schweif fest eingeklemmt oder zur Seite gehalten; (14) wiederholtes, großes Schweifschlagen
Gang(15) eiliger oder unregelmäßiger Takt, wiederholte Tempowechsel; (16) zu langsamer Trab, passageartig; (17) Hinterbeine fußen nicht in der Spur der Vorderbeine; (18) wiederholte Galoppwechsel, falsches Angaloppieren, Kreuzgalopp; (19) spontane Gangartwechsel; (20) mehrfaches Stolpern, wiederholtes Schleifen beider Hinterhufspitzen
Verhalten(21) plötzlicher Richtungswechsel gegen die Hilfe, Scheuen; (22) Unwilligkeit vorwärtszugehen, spontanes Stehenbleiben; (23) Steigen; (24) Buckeln oder Ausschlagen
Infografik: Die 24 Verhaltensweisen des Ridden Horse Pain Ethogram, verteilt auf sechs Bereiche von Kopf bis Verhalten

Wie wird das RHpE angewendet? Die 5 RHpE-Regeln

Das RHpE wird im Training unter dem eigenen Reiter angewendet und zählt, wie viele der 24 Verhaltensweisen auftreten. In den Studien galt dabei folgender Rahmen (Dyson & Pollard 2020):

  1. Aufgewärmt beurteilen: Erst nach dem Aufwärmen bewerten.
  2. Alles zeigen lassen: Schritt, Trab und Galopp auf beiden Händen; in der Studie dauerte die Aufgabe etwa 8,5 Minuten.
  3. Filmen: Ein Video erlaubt, kurze Verhaltensweisen und Zeitgrenzen in Ruhe auszuwerten.
  4. Ausgangslage notieren: Vorher in Ruhe festhalten, ob das Augenweiß schon ohne Belastung sichtbar ist und ob das Gebiss zu breit ist; beides wird bei der Auswertung berücksichtigt.
  5. Gesamtwert zählt: Entscheidend ist die Summe. Ab 8 von 24 gelten Schmerzen im Bewegungsapparat als wahrscheinlich.

Was zeigen Studien zum RHpE?

Das RHpE erkennt Schmerz auch bei Pferden, die nicht sichtbar lahm wirken, und sein Wert sinkt, wenn der Schmerz ausgeschaltet wird.

  • Von 60 Pferden, die laut Besitzern beschwerdefrei arbeiteten, waren 73 % geringgradig lahm; ihre RHpE-Werte lagen zwischen 3 und 16 (Dyson & Pollard 2020). Lahme Pferde hatten höhere Werte.
  • Bei 150 Pferden mit Schmerzen im Bewegungsapparat sank der Median nach diagnostischer Anästhesie von 9 auf 2 von 24. Der Wert hing nicht mit dem Lahmheitsgrad zusammen (Dyson & Pollard 2023).
  • Bei 1.358 als wettkampffähig eingestuften Pferden lag der Median bei 4 (Dyson & Pollard 2024). Einzelne Verhaltensweisen zeigen also auch Pferde ohne erkennbare Lahmheit.
  • Bei 1.010 Starts in Vielseitigkeitsprüfungen erreichten rund 9 % 8 oder mehr Punkte; diese Starts hatten mehr Strafpunkte (Dyson & Pollard 2022).
  • Bei 20 Polizeipferden erreichten 40 % 8 oder mehr Punkte (Resano-Zuazu et al. 2026). Auch bei Ankaufsuntersuchungen wird das RHpE ergänzend eingesetzt (Dyson 2026, 25 Pferde).

Was beeinflusst den RHpE-Wert außer Schmerz?

Auch Reiter und Ausrüstung beeinflussen den Wert. In der Studie mit 60 Pferden hingen höhere Werte mit Lahmheit und mit dem Können des Reiters zusammen (Dyson & Pollard 2020). Als weitere mögliche Einflüsse nennen die Autorinnen einen schlecht passenden Sattel und die Größe des Reiters. Tierärztinnen und Tierärzte konnten nach einer Schulung mit dem RHpE Schmerzen im Bewegungsapparat vorhersagen. Ein hoher Wert ist deshalb ein Anlass, Pferd, Sattel und Reiten gemeinsam anzuschauen.

Ist das RHpE eine Diagnose?

Das RHpE ist ein Hinweis auf Abklärungsbedarf, keine Diagnose. Es sagt nicht, wo der Schmerz sitzt; das klärt die Tierärztin oder der Tierarzt. Es ist für das Verhalten unter dem Reiter entwickelt, nicht für Satteln oder Gurten. Nach der Diagnose kann eine Pferdephysiotherapeutin oder ein Pferdephysiotherapeut das Verhalten unter dem Reiter in die Verlaufsbeobachtung einbeziehen.

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Quellen

  1. Dyson & Pollard 2020: Application of a Ridden Horse Pain Ethogram and Its Relationship with Gait in a Convenience Sample of 60 Riding Horses (Animals, Volltext-PDF, Tabelle 1) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 9. Oktober 2026
  2. Dyson & Pollard 2020: Application of a Ridden Horse Pain Ethogram (Animals, PubMed) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 8. Oktober 2026
  3. Dyson & Pollard 2023: Application of the RHpE to 150 Horses with Musculoskeletal Pain (Animals) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 8. Oktober 2026
  4. Dyson & Pollard 2024: Behaviour in Subjectively Non-Lame Ridden Sports Horses (Animals) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 8. Oktober 2026
  5. Dyson & Pollard 2022: RHpE bei British Eventing (Animals) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 8. Oktober 2026
  6. Resano-Zuazu et al. 2026: A multimodal approach to equine thoracolumbar myofascial pain (BMC Vet Res) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 8. Oktober 2026
  7. Dyson 2026: Role of Ridden Exercise in Pre-Purchase Examinations (Animals) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 8. Oktober 2026
  8. Das Schmerz-Ethogramm des gerittenen Pferdes (Thieme, deutschsprachiger Fachartikel; nur Titel geprüft) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 9. Oktober 2026

Stand: 9. Oktober 2026

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