Diagnostische Anästhesie ist das gezielte örtliche Betäuben von Nerven, Gelenken oder Körperregionen durch die Tierärztin oder den Tierarzt, um herauszufinden, ob eine Lahmheit oder ein Schmerz von dort ausgeht.
Inhalt dieses Eintrags
- Welche Arten der diagnostischen Anästhesie gibt es?
- Wie läuft eine diagnostische Anästhesie ab? Der 4-Takt
- Warum röntgt man nicht einfach gleich?
- Wie zuverlässig ist das Ergebnis?
- Wie lange wirkt eine Leitungsanästhesie?
- Welche Risiken hat eine diagnostische Anästhesie?
- Was kostet eine diagnostische Anästhesie?
- Wer darf eine diagnostische Anästhesie durchführen?
Die diagnostische Anästhesie ist ein Ausschlussverfahren der Lahmheitsuntersuchung: Bessert sich die Lahmheit nach der Betäubung einer Region deutlich, liegt die Schmerzquelle wahrscheinlich dort. Im Stall hörst du dafür auch „Blocken“, „Nervenblock“ oder „Leitungsanästhesie“.
Welche Arten der diagnostischen Anästhesie gibt es?
Es gibt drei Grundformen, die je nach Verdacht kombiniert werden. Ein aktueller Übersichtsartikel beschreibt Gangbeobachtung, Betäubung von Nerven und Gelenken sowie Schnittbildgebung als Standardweg der Lahmheitsdiagnostik (Scheibenpflug & Haussler 2026).
| Form | Was betäubt wird | Typischer Einsatz |
|---|---|---|
| Leitungsanästhesie | ein Nerv; betäubt wird das Gebiet, das dieser Nerv unterhalb der Einstichstelle versorgt | schrittweises Eingrenzen am Bein |
| Anästhesie im Gelenk, in der Sehnenscheide oder im Schleimbeutel | nur das Innere dieser Struktur | gezielte Prüfung einer verdächtigen Struktur |
| Infiltration rund um eine Region | Gewebe um ein tief liegendes Gelenk, etwa das Iliosakralgelenk | Becken- und Rückenregion |
Kürzel wie TPA oder MPA auf dem Befund bezeichnen bestimmte Nervenblocks: Die TPA betrifft die Zehennerven in Höhe der Hufknorpel, die MPA die Palmarnerven weiter oben am Bein (DocCheck Flexikon).
Wie läuft eine diagnostische Anästhesie ab? Der 4-Takt
Eine diagnostische Anästhesie folgt einem festen Takt aus Vorführen, Betäuben, Warten und erneutem Vorführen.
- Ausgangsbefund: Das Pferd wird vorgeführt, die Tierärztin oder der Tierarzt notiert die Stärke der Lahmheit (Lahmheitsgrade), oft nach einer Beugeprobe.
- Betäuben: Leitungsanästhesien werden stufenweise von unten nach oben gesetzt (DocCheck Flexikon).
- Warten: Die Wirkung tritt meist innerhalb von 5 bis 15 Minuten ein und wird mit einem Reiz von außen geprüft (DocCheck Flexikon).
- Vergleichen: Das Pferd wird erneut vorgeführt. Verschwindet die Lahmheit oder bessert sie sich deutlich, gilt der Block als positiv.
Weil von unten nach oben gearbeitet wird, braucht ein Schmerz weiter oben am Bein mehr Schritte und damit mehr Zeit.

Warum röntgt man nicht einfach gleich?
Ein Röntgen- oder Ultraschallbefund zeigt allein nicht, ob eine Veränderung schmerzt. Bei Kissing Spines passen Schweregrad im Röntgen und Beschwerden nicht zuverlässig zusammen; eine örtliche Betäubung kann die Bedeutung klären (Baudisch et al. 2022). Auch an den Iliosakralgelenken von Reitpferden fanden Forschende im CT durchweg Veränderungen (Mathys et al. 2025). Die Betäubung grenzt deshalb zuerst die Schmerzregion ein, die Bildgebung folgt gezielt.
Wie zuverlässig ist das Ergebnis?
Die diagnostische Anästhesie liefert starke Hinweise, aber keine Gewissheit.
- Betäubungsmittel verteilen sich: Im Rücken und am Iliosakralgelenk gelangt das Mittel oft in Nachbarstrukturen; der Wert der Anästhesie ist dort umstritten (Pilati et al. 2025; Walter et al. 2024).
- Der richtige Block muss gewählt sein: Bei einer im Versuch ausgelösten Fesselgelenkentzündung verringerten zwei höher gesetzte Nervenblocks die Lahmheit deutlich, zwei tiefer gesetzte im Mittel nicht (J Equine Vet Sci 2026, 9 Pferde).
- Scheinbare Lahmheiten werden sichtbar: Bei 37 Pferden mit Hinterbeinlahmheit sprach die Messung nach der Betäubung dafür, dass eine scheinbare Lahmheit am gleichseitigen Vorderbein eine Ausgleichsbewegung war (JAVMA 2016).
- Rücken und Lahmheit hängen zusammen: In einer Auswertung von 582 Pferden war die diagnostische Anästhesie entscheidend, um primären Rückenschmerz von Lahmheit und ISG-Schmerz zu unterscheiden (Zimmerman et al. 2012). Bei 150 Pferden sank das Schmerzverhalten unter dem Reiter nach der Betäubung im Median von 9 auf 2 von 24 Punkten (Dyson & Pollard 2023, siehe Ridden Horse Pain Ethogram).
Wie lange wirkt eine Leitungsanästhesie?
Die Wirkung setzt nach 5 bis 15 Minuten ein, die Dauer hängt vom Mittel ab. In einem Lahmheitsmodell mit 12 Vollblütern kehrte die Lahmheit nach einem Block mit Bupivacain im Median nach 4 Stunden zurück (Am J Vet Res 2024). Frag deshalb nach, ab wann dein Pferd wieder auf die Koppel oder gearbeitet werden darf, denn ein betäubtes Bein spürt den Boden schlechter.
Welche Risiken hat eine diagnostische Anästhesie?
Schwere Komplikationen sind selten. Bei 3.866 Injektionen in Gelenke und Sehnenscheiden, überwiegend zur Behandlung, entwickelte sich bei 1 von 967 Injektionen eine Infektion; alle betroffenen Pferde erholten sich nach Spülung und Antibiotika (Equine Vet J 2022). Nach der Betäubung der Kreuzdarmbein-Region trat bei 1 von 118 Pferden eine milde, rasch abklingende Komplikation auf (PLoS One 2021).
Was kostet eine diagnostische Anästhesie?
Nach der Gebührenordnung für Tierärztinnen und Tierärzte (GOT) kostet eine Leitungsanästhesie je Anwendung im einfachen Satz 15,39 Euro, eine Anästhesie im Gelenk 30,78 Euro. Abgerechnet wird das Einfache bis Dreifache zuzüglich Umsatzsteuer, und meist braucht es mehrere Anwendungen sowie die Lahmheitsuntersuchung selbst. Die vollständige Kostentabelle steht im Ratgeber Pferd lahmt: Was tun und wann zum Tierarzt?.
Wer darf eine diagnostische Anästhesie durchführen?
Die Betäubung warmblütiger Wirbeltiere nimmt nach § 5 Tierschutzgesetz eine Tierärztin oder ein Tierarzt vor, ausgenommen äußerlich angewandte Betäubungsmittel. Diagnostische Anästhesie ist daher keine Leistung der Pferdephysiotherapie. Für die Physiotherapie ist das Ergebnis trotzdem wertvoll: Es zeigt, ob etwa eine verspannte Rückenmuskulatur Folge einer Lahmheit ist.
Liegt ein tierärztlicher Befund vor und suchst du Begleitung für Reha und Training, vermitteln wir dir über die Anfrage eine passende Pferdephysiotherapeutin oder einen passenden Pferdephysiotherapeuten in der Region. Einen Überblick über Praxen findest du unter Therapeuten. Mehr zum Rücken im Ratgeber Kissing Spines beim Pferd.
Häufige Fragen
Wie viel kostet eine Leitungsanästhesie bei einem Pferd?
Nach der Gebührenordnung für Tierärztinnen und Tierärzte (GOT) kostet eine Leitungsanästhesie je Anwendung im einfachen Satz 15,39 Euro, eine Anästhesie im Gelenk 30,78 Euro. Abgerechnet wird das Einfache bis Dreifache zuzüglich Umsatzsteuer, und meist braucht es mehrere Anwendungen sowie die Lahmheitsuntersuchung selbst.
Wie lange wirkt eine Leitungsanästhesie beim Pferd?
Die Wirkung setzt nach 5 bis 15 Minuten ein, die Dauer hängt vom Mittel ab. In einem Lahmheitsmodell mit 12 Vollblütern kehrte die Lahmheit nach einem Block mit Bupivacain im Median nach 4 Stunden zurück (Am J Vet Res 2024).
Ist eine diagnostische Anästhesie gefährlich?
Schwere Komplikationen sind selten. Bei 3.866 Injektionen in Gelenke und Sehnenscheiden, überwiegend zur Behandlung, entwickelte sich bei 1 von 967 Injektionen eine Infektion; alle betroffenen Pferde erholten sich nach Spülung und Antibiotika (Equine Vet J 2022).
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Quellen
- DocCheck Flexikon: Leitungsanästhesie (Pferd) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 8. Oktober 2026
- Scheibenpflug & Haussler 2026: Myofascial trigger points as a primary cause of equine lameness (Front Vet Sci) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 9. Oktober 2026
- Baudisch, Lischer, Ehrle 2022: Behandlung des Kissing-Spines-Syndroms, Teil 1 (Pferdeheilkunde, FU Berlin) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 9. Oktober 2026
- Mathys et al. 2025: CT, Ultraschall und Histologie des Iliosakralgelenks bei Warmblut-Kadavern (Animals) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 9. Oktober 2026
- Pilati et al. 2025: Impinging and Overriding Spinous Processes in Horses – Narrative Review (Animals) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 8. Oktober 2026
- Walter et al. 2024: Review of the clinical diagnosis of sacroiliac dysfunction in horses (Vet J) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 8. Oktober 2026
- Effects of various perineural analgesia techniques on experimentally induced lameness of the equine metacarpophalangeal joint (J Equine Vet Sci 2026) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 8. Oktober 2026
- Objective assessment of the compensatory effect of clinical hind limb lameness in horses: 37 cases (JAVMA 2016) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 8. Oktober 2026
- Zimmerman, Dyson, Murray 2012: Rückenschmerz und diagnostische Anästhesie bei 582 Pferden (Equine Vet J) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 8. Oktober 2026
- Dyson & Pollard 2023: Application of the RHpE to 150 Horses with Musculoskeletal Pain (Animals) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 8. Oktober 2026
- Bupivacaine and liposomal bupivacaine do not produce prolonged perineural anesthesia in a lameness model (Am J Vet Res 2024) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 9. Oktober 2026
- Comparison of equine synovial sepsis rate following intrasynovial injection in ambulatory versus hospital settings (Equine Vet J 2022) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 9. Oktober 2026
- Complications following equine sacroiliac region analgesia are uncommon (PLoS One 2021) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 8. Oktober 2026
- GOT 2022, Anlage (Gebührenverzeichnis), Nr. 285 und 286 (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 8. Oktober 2026
- GOT 2022, § 2 (Gebührenrahmen) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 8. Oktober 2026
- § 5 Tierschutzgesetz (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 8. Oktober 2026
Stand: 9. Oktober 2026