Ein Dornfortsatz (Processus spinosus) ist der nach oben ragende Knochenfortsatz eines Wirbels; beim Pferd bilden die Dornfortsätze der Brust- und Lendenwirbel den Widerrist und die tastbare Linie unter dem Sattel.
Inhalt dieses Eintrags
- Wie viele Wirbel und Dornfortsätze hat ein Pferd?
- Wie sind die Dornfortsätze am Rücken angeordnet?
- Wie bewegen sich die Dornfortsätze, wenn das Pferd den Rücken aufwölbt?
- Was bedeutet ein Befund an den Dornfortsätzen?
- Wie ordnest du einen Dornfortsatz-Befund ein? Die 3-Fragen-Einordnung
- Was hat Sattel und Ausrüstung mit den Dornfortsätzen zu tun?
Jeder Wirbel des Pferdes besitzt einen Dornfortsatz, lateinisch Processus spinosus. Die Dornfortsätze dienen Bändern und Rückenmuskeln als Hebel und Ansatzstelle. Am Widerrist sind sie besonders lang, nach hinten werden sie kürzer. Über ihre Spitzen läuft das supraspinale Band, die Fortsetzung des Nackenbands; zwischen ihnen liegen die interspinalen Bänder. Beide sind eng mit dem Bindegewebe der Rückenmuskulatur verbunden und stabilisieren gemeinsam die Brust- und Lendenwirbelsäule (Domańska-Kruppa et al. 2024; Pilati et al. 2025).
Wie viele Wirbel und Dornfortsätze hat ein Pferd?
Ein Pferd hat meist 7 Hals-, 18 Brust-, 6 Lenden- und 5 Kreuzwirbel sowie 15 bis 21 Schwanzwirbel (DocCheck Flexikon). Einzelne Pferde haben einen Brust- oder Lendenwirbel mehr oder weniger: 17 bis 19 Brust- und 5 bis 7 Lendenwirbel kommen vor. Nach unserer Rechnung ergibt das bei der häufigsten Verteilung 51 bis 57 Wirbel insgesamt. Die Kreuzwirbel sind zum Kreuzbein verwachsen.
Wie sind die Dornfortsätze am Rücken angeordnet?
Die Dornfortsätze ändern entlang des Rückens Länge und Neigung. Eine Übersichtsarbeit beschreibt drei Abschnitte (Pilati et al. 2025):
| Abschnitt | Länge und Neigung |
|---|---|
| vordere Brustwirbel bis etwa zum 10. | lang, nach hinten geneigt; bilden den Widerrist |
| 13. bis 15. Brustwirbel | kürzer, zunehmend senkrecht; der 15. steht senkrecht (antiklinaler Wirbel) |
| hinter dem 15. Brustwirbel, Lende | nach vorn geneigt, immer kürzer |
Am antiklinalen Wirbel wechselt die Neigung. Gerade im Abschnitt vom 13. bis 18. Brustwirbel liegen die Dornfortsätze eng beieinander, und genau dort liegt der Sattel.
Wie bewegen sich die Dornfortsätze, wenn das Pferd den Rücken aufwölbt?
Wölbt das Pferd den Rücken auf (Beugung), weichen die Dornfortsätze auseinander, und die Bänder zwischen und über ihnen werden gespannt (Pilati et al. 2025). Senkt es den Rücken ab (Streckung), rücken sie näher zusammen. Das lässt sich messen: Bei 7 Pferden mit eng stehenden Dornfortsätzen wurde der Brustkorb von Hand zum Aufwölben angeregt („thoracic lift“). Der Abstand zwischen den Dornfortsätzen nahm an jeder Stelle vom 5. bis 18. Brustwirbel zu, am stärksten um 3,1 mm zwischen 7. und 8. sowie um 3,0 mm zwischen 12. und 13. Brustwirbel, am wenigsten um 0,7 mm zwischen 17. und 18. Brustwirbel (O'Sullivan et al. 2022).
Gemessen an der Grenze von 4 mm, ab der ein Abstand als zu eng gilt, ist ein Zuwachs von 3 mm erheblich. Die Haltung beim Röntgen kann deshalb beeinflussen, wie ein Befund eingestuft wird.
Was bedeutet ein Befund an den Dornfortsätzen?
Stehen Dornfortsätze sehr eng (Zwischenraum unter 4 mm), berühren oder überlappen sie sich, spricht man von „Kissing Spines“. Betroffen ist vor allem die mittlere und hintere Brustwirbelsäule, am häufigsten der 15. Brustwirbel (Pilati et al. 2025).
Solche Röntgenbefunde sind auch bei Pferden ohne Beschwerden häufig. In einer Studie mit 33 rückengesunden Reitpferden hatten nur 11 normale Abstände und nur 7 überhaupt keinen Befund; die Veränderungen lagen meist zwischen dem 13. und 18. Brustwirbel (Erichsen et al. 2004). Von 70 Pferden ohne Rückenprobleme in der Vorgeschichte zeigten 27 (39 %) überlappende Dornfortsätze (Turner et al. 2011). Ein Röntgenbild allein beweist daher keine Schmerzursache. Neben Engstand können auch Brüche an den Dornfortsätzen des Widerrists und Verletzungen des supraspinalen Bands Rückenschmerzen verursachen (Domańska-Kruppa et al. 2024).
Behandlung, Training und Reiten mit Befund erklärt der Ratgeber Kissing Spines beim Pferd.
Wie ordnest du einen Dornfortsatz-Befund ein? Die 3-Fragen-Einordnung
Drei Fragen helfen dir im Gespräch mit der Tierärztin oder dem Tierarzt:
- Wo und wie eng? Welche Wirbel sind betroffen, und wie groß sind die Abstände?
- In welcher Haltung geröntgt? Ein abgesenkter Rücken kann Abstände kleiner erscheinen lassen.
- Passt der Befund zu den Beschwerden? Ob der Bereich wirklich schmerzt, klärt oft erst eine diagnostische Anästhesie.

Was hat Sattel und Ausrüstung mit den Dornfortsätzen zu tun?
Die Dornfortsätze liegen direkt unter Sattel und Gurt und brauchen Freiraum. Unter einem Longiergurt traten in einer Studie mit 10 Pferden hohe Drücke auf den Dornfortsätzen auf, mit und ohne Pessoa-Hilfszügel (Mackechnie-Guire et al. 2018). Ein Sattel sollte deshalb die Wirbelsäule nicht belasten. Wie Rückenmuskulatur und Musculus longissimus dorsi die Wirbelsäule stützen und wie du sie trainierst, steht im Ratgeber Pferd Muskelaufbau. Bei Rückenproblemen hilft der Ratgeber Rückenprobleme beim Pferd erkennen.
Häufige Fragen
Wie viele Wirbel hat ein Pferd insgesamt?
Ein Pferd hat meist 7 Hals-, 18 Brust-, 6 Lenden- und 5 Kreuzwirbel sowie 15 bis 21 Schwanzwirbel, zusammen also meist 51 bis 57 Wirbel.
Was passiert mit den Dornfortsätzen, wenn das Pferd den Rücken aufwölbt?
Wölbt das Pferd den Rücken auf, weichen die Dornfortsätze auseinander. Bei 7 Pferden mit eng stehenden Dornfortsätzen nahm der Abstand dadurch an jeder gemessenen Stelle zu, am stärksten um 3,1 mm.
Bedeutet ein Röntgenbefund an den Dornfortsätzen immer Schmerzen?
Nein, ein Röntgenbild allein beweist keine Schmerzursache. In einer Studie mit 33 rückengesunden Reitpferden hatten nur 11 normale Abstände. Ob ein Befund schmerzt, klärt oft erst eine diagnostische Anästhesie.
Unsicher, welche Unterstützung passt? Zum Wegweiser
Quellen
- Domańska-Kruppa et al. 2024: Advances in the Clinical Diagnostics to Equine Back Pain (Animals) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 8. Oktober 2026
- Pilati et al. 2025: Impinging and Overriding Spinous Processes in Horses – Narrative Review (Animals) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 9. Oktober 2026
- DocCheck Flexikon: Wirbelsäule (Veterinärmedizin) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 9. Oktober 2026
- O'Sullivan et al. 2022: The effect of manually facilitated flexion of the thoracic spine on the interspinous space among horses with impinging dorsal spinous processes (Vet J) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 9. Oktober 2026
- Erichsen et al. 2004: Röntgenbefunde der Dornfortsätze bei rückengesunden Reitpferden (Equine Vet J) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 8. Oktober 2026
- Turner et al. 2011: Overriding Spinous Processes (Kissing Spines) in Horses: Diagnosis, Treatment and Outcome in 212 Cases (AAEP Proceedings) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 8. Oktober 2026
- Mackechnie-Guire et al. 2018: Local Back Pressure Caused by a Training Roller During Lunging With and Without a Pessoa Training Aid (J Equine Vet Sci) (öffnet in neuem Tab) – abgerufen am 9. Oktober 2026
Stand: 9. Oktober 2026